Landtagsabgeordnete Annette Watermann-Krass

Predigt in Wadersloh: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus

Reden

Predigt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus

 

Vor einigen Wochen hat Pastor Ehrenberg mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte eine Predigt in Wadersloh zu halten.

Das Thema sollte das neunte Gebot sein: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

Die zehn Gebote gehören zu den ältesten Gesetzessammlungen der Welt und haben direkt und indirekt in vielen gesellschaftlichen Regeln Spuren hinterlassen.

Deshalb habe ich gerne diese Herausforderung angenommen und mir dazu meine Gedanken gemacht:

Wenn ich an meines Nächsten Haus denke, kommen mir sofort meine Nachbarn in den Sinn. Mit ihnen komme ich gut aus und wenn mal während eines Urlaubes die Blumen zu gießen sind, oder die Zeitung reingeholt werden soll, dann hilft man sich ganz selbstverständlich gegenseitig.

In unseren Kleinstädten und Gemeinden scheint diese Nachbarschaft noch zu funktionieren.

Ich habe gerade von einem tollen Projekt gelesen, das eine junge Frau in Berlin initiiert hat. Sie, aus der Kleinstadt kommend, hat sich mit einem Korb voll Kaffee und Kuchen aufgemacht und einfach bei den Nachbarn angeklingelt. So hat sie in 200 Tagen 200 Menschen aus ihrer Umgebung im anonymen Berlin kennengelernt. Viele waren nicht zu Hause, einige haben das Angebot abgelehnt. Aber es gab auch einige, die ihr die Tür geöffnet haben und bereit waren, die neue Frau aus der Nachbarschaft kennenzulernen. Die junge Frau hat viele Geschichten gehört in dieser Zeit. Über die Familie, den Job, den verlassenen Ehemann. Manchen hat es gut getan, mit jemandem zu sprechen. Bei den meisten ist es bei dem einen Mal geblieben, mit manchen haben sich aber Freundschaften entwickelt. Viele haben die junge Frau aber auch abgestempelt und ihr einen Spitznamen gegeben. Die „gelangweilte Latte-Macchiato-trinkende Mutti“ hat sich davon nicht beirren lassen und ihr Projekt einfach weitergemacht.

 

Diese kleine Geschichte zeigt, dass sich Menschen ganz bewusst aufmachen und etwas an ihrer aktuellen Lebenssituation ändern wollen. In den Städten entwickeln sich neue Netzwerke der Nachbarschaftshilfe, die häufig auf dem Land noch gelebt wird oder wieder entdeckt wird, wie im Nachbardorf Dedinghausen.

 

„Du sollst nicht begehren deines nächsten Haus“ – wenn ich an die Häuser meiner Nachbarn denke, stelle ich fest: einige Häuser sind bereits zum zweiten Mal verkauft worden und einige Häuser werden nur noch von einer Person bewohnt. Ich erlebe ältere, alleinstehende Menschen in unserer Stadt, da wird das eigene Haus zur Belastung. Sie brauchen Unterstützung bei der Unterhaltung des Gebäudes und der Pflege des Gartens. Ihre Kinder sind häufig in weiter Ferne und nicht daran interessiert, das Haus zu übernehmen.

Für mich als Politikerin sind das die Herausforderungen der Zukunft. Wie kann es gelingen, ältere Wohnsiedlungen in unseren Gemeinden attraktiv zu behalten? Muss es immer ein neues Baugebiet sein?

Wie kann es gelingen Menschen, die sich wohnlich verkleinern wollen und junge Familien, die ein eigenes Haus suchen, zusammen zu bringen?

Eine große Herausforderung war jetzt die Unterbringung von Flüchtlingen vor Ort. Zum Teil wurde Unverständnis geäußert, warum gerade bei ihnen, in unmittelbarer Nachbarschaft Flüchtlingen wohnen sollten. Der Vorwurf: Unsere Häuser verlieren an Wert. Wir trauen uns nicht mehr auf die Straße. Wir haben Angst vor dem Fremden.

Auch hier kann ich nach über 20 Jahren politischer Erfahrung sagen: an jeder Stelle unserer Stadt können wir Menschen, die durch Flucht zu uns kommen und Schutz suchen, unterbringen. Die Angst vor Veränderung im unmittelbaren Wohnumfeld kann ich verstehen. Nur die Menschen dürfen diese Angst nicht durch Parolen gegen Fremde machen. Die Politik muss die Planungen in der Bevölkerung gut erklären und Möglichkeiten der Begegnungen schaffen. In unserer Stadt ist dieses gut gelungen mit einem gemeinsamen Kunstwerk, das mit den Nachbarn einer Containeranlage erstellt und mit einer schönen Feier eingeweiht worden ist. Mittlerweile sind gute Freundschaften daraus erwachsen. Welch ein Reichtum entsteht, wenn wir Menschen, die nur ihr nacktes Leben gerettet haben, wieder eine Heimat geben können.

 

Ich habe aber auch vor etlichen Jahren den Hof meiner Eltern übertragen bekommen. Eine Hofstelle, die wir viele Hundert Jahre im Familienbesitz haben. Ich bin jetzt die erste in dieser Erbfolge, die keine Landwirtschaft dort macht.

Was mache ich mit den vielen Gebäudeteilen, die früher landwirtschaftlich genutzt wurden? Wie kann ich es der nächsten Generation übergeben?

Und neben dem Haus – ist es vor allem der Grund und Boden – der auf dem Land begehrt ist. Die Pacht- und Kaufpreise für landwirtschaftliche Flächen sind in den letzten Jahren extrem gestiegen. Landwirte, die dem Motto gefolgt sind, „Wachsen oder Weichen“ haben in immer mehr Stallbauten, Biogasanlagen oder Windräder investiert.  Dieser Nutzungsdruck führt zu einem enormen Preisanstieg. Es hat dazu beigetragen, dass Nachbarn zu Konkurrenten werden und der Artenschwund bei Pflanzen und Tieren dramatisch zunimmt. Hier muss die Politik zum Wohle aller Menschen handeln. Wir dürfen nicht alles den ungestümen Kräften des Marktes überlassen.

Im Landesnaturschutzgesetz bemühen wir uns aktuell darum, eine Ausgewogenheit zwischen den Interessen der Landnutzer und des Naturschutzes hinzubekommen.

Die Ausrichtung der Landwirtschaft auf die Marktwirtschaft und den Welthandel zeigen den Bauern deutliche Grenzen auf: es kommt zum Preisverfall und zu einer Entwertung der Lebensmittel.

Es wird Zeit, dass die Politik nicht alles den Kräften des freien Marktes überlässt. Dafür machen wir Gesetze – auf Landes-, Bundes- und Europaebene.

Dafür braucht es Mut. Mut wie ihn die dänische Politikerin Margrethe Vestager vor kurzem bewiesen hat. Die EU-Kommissarin und Mutter dreier Töchter hat es tatsächlich geschafft, dem Großkonzern Apple eine Steuernachzahlung von 13 Milliarden Euro aufzubrummen. Steuern, das weiß jeder, sind für das Allgemeinwohl eines jeden Landes bestimmt. Sie sichern Schulen, Bibliotheken, Schwimmbäder und vieles andere, was unser soziales Leben bestimmt. Wenn ein Unternehmen zu wenig Steuern zahlt, wie in diesem Fall eben Apple, die mit ihren iPhones und ibooks genug Geld einspielen sollten, ist das nicht nur traurig, sondern meiner Meinung nach ein Riesenskandal! – nämlich eine Steuer von 0,0005 % vom Umsatz!

Leider ist es in der Wirtschaft gang und gäbe, solche Gegebenheiten zu decken, sich Vorteile zu erschleichen, neue Deals durch Schweigen zu akquirieren. Margrethe Verstager macht damit jetzt Schluss. Die Politikerin beweist großen Mut, sich mit den Lobbyisten der Wirtschaft anzulegen. Sie hält nun das Rechtsstaatsprinzip hoch, das Gleichbehandlungsgrundgesetz, sie appelliert an die Fairness im Wirtschaftsleben. Eigentlich sind diese Sachen im Gesetz verankert, werden aber nur allzu oft einfach ignoriert.

Neben Apple stehen noch zahlreiche weitere Fälle in 24 Staaten der EU auf ihrem Tagesplan. Ihre Behörde forscht nach Marktmissbrauch und weiteren unfairen Steuerabsprachen. Sie schafft das, was viele vor ihr sich nicht zugetraut haben. Für alle Menschen. Für das Allgemeinwohl.

 

Allgemeinwohl ist auch ein gutes Stichwort. Zahlreiche junge Menschen überdenken ihr Konsumverhalten. Anstatt alles selbst zu besitzen ist die Devise „Leihen und tauschen, statt selbst kaufen“. Ich habe kürzlich erfahren, dass die durchschnittliche Benutzung einer Bohrmaschine in 15 Jahren nicht mal eine Stunde beträgt. Ein Brautkleid hängt nach dem großen Tag wieder im Schrank. Das Auto, früher ein Statussymbol, ist gerade bei jungen Menschen nicht mehr angesagt. Trotzdem wollen sie mobil sein. Wie selbstverständlich nutzen Sie dafür alle Arten von Verkehrsmitteln, S- und U-Bahn und Zweiräder. Ein Auto können sie auch im Stadtteil leihen oder das Leihauto per Smartphone finden, öffnen, nutzen und am Ziel wieder stehen lassen.

Macht es nicht Sinn, in der heutigen Wegwerfkultur darüber nachzudenken, ob man überhaupt alles selbst besitzen muss?  In Online-Tauschbörsen nutzen vor allem junge Leute die Möglichkeit, sich mit solchen Tauschgeschäften zu helfen. Mehr als 82 Prozent der unter 30-Jährigen haben ein solches Angebot schon einmal genutzt.  Das ist nicht nur eine günstige und ökologische Sache, sondern auch sinnvoll im Bezug auf die viel diskutierte Nachhaltigkeit.

 

Wenn wir noch einmal auf das ursprüngliche Thema „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus“ zurückkommen, stellt sich die Frage, ob nicht bereits ein Umdenken stattgefunden hat. Es gibt so viele Menschen, die sich für andere einsetzen, die Verantwortung übernehmen, sich Gedanken um die Nachhaltigkeit unseres Konsums machen.

Aber Glück und Zufriedenheit hängt nicht nur von Besitz ab. Manchen Menschen ist es offensichtlich wichtig, dass sie anderen zu ihrem Glück verhelfen, um selbst glücklich zu sein.

 

Oder sie erfreuen sich an nicht-materiellen Dingen im Leben. Das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln hat dazu eine Statistik aufgestellt. Die grundsätzliche Frage war, wovon ein zufriedenes Leben abhängt. Kinder, Karriere und Konsum sind laut Erhebungen nicht die ausschlaggebenden Faktoren, die die persönliche Zufriedenheit nach oben ansteigen lassen. Nicht nur die äußeren Rahmenbedingungen sind entscheidend, sondern auch ganz klar die Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen. Eine große Rolle spielt hier die emotionale Stabilität. Ist jemand reizbar, ängstlich und nervös, hat er häufiger eine niedrige oder mittlere Lebenszufriedenheit. Ein Mensch, der selbstsicher und gleichzeitig belastbar ist, ist laut Statistik wesentlich zufriedener. Auch das Vertrauen, das man anderen entgegen bringt, ist entscheidend. „Von den Menschen, die anderen Personen im Großen und Ganzen vertrauen, weisen 72 Prozent eine hohe Lebenszufriedenheit auf.“

 

Margot Käßmann hat es in einer Veröffentlichung treffend ausgedrückt:

 

Martin Luther hat ja einmal gesagt, woran wir unser Herz hängen, das sei unser Gott. Heute hängt das Herz der meisten Menschen anscheinend am Geld, am Haben. Konsum wird da zur großen Religion: Ich konsumiere, also bin ich. Wie hohl dieser Gott allerdings ist, merke ich spätestens, wenn ich kein Geld mehr habe, um zu konsumieren.

 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass uns die zehn Gebote eine Richtschnur fürs Leben sein können.

 

Amen

 

 

 
 

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